Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit
FAGA
Fachstelle
zur Ableistung
gemeinnütziger Arbeit
Jahresbericht 2003 der FAGA-Münster
Inhalt

Ziele

01. Ziele der Fachstelle
02. Zielgruppe

Ressourcen

03. Personal
04. Finanzierung
05. Einsatzstellen
06. Kooperationen

Angebote

07. Tätigkeitsfelder
08. Projekte der Fachstelle

Erfolge

09. Ergebnisse
10. Effektivität
11. Eigene Projekte

Bemerkungen zu 2003

Gerade soziale Arbeit mit Menschen, die mit gesellschaftlichen Normen in Konflikt geraden sind, erfordert von den Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege, die solche Angebote vorhalten, eine entsprechende personelle Ausstattung, damit Kontinuität und Professionalität gewährleistet sind.
Der Verein zur Förderung der Bewährungshilfe Münster e.V. als Träger der Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit trug dieser Forderung „Qualität vor Quantität“ stets Rechnung, indem er unter dem Bedarfsaspekt ausreichend Personal beschäftigte. Die Kürzungen der Landesmittel um mehr als 20% für das Jahr 2003 konnte der Trägerverein durch Eigenmittel nicht auffangen, so dass Konsequenzen im personellen Bereich nicht zu vermeiden waren. Die Ende März 2003 ausgelaufene Berufsanerkennungsstelle wurde nicht wieder neu besetzt. Die Folgen sind zwar erst auf den zweiten Blick zu erkennen, aber dennoch gravierend:

• Im Verhältnis wurden weniger Stunden abgeleistet als noch im Vorjahr.
• In den eigenen Projekten der Fachstelle waren 2003 weniger Personen beschäftigt und leisteten dort auch weniger Stunden ab.
• Die durchschnittliche Bearbeitungsdauer eines Falles stieg von 174 Tagen in 2002 auf 188 Tage in 2003 an.
• Es wurden weniger Einsatzstellen persönlich kontaktiert.
• Im Vergleich zum Vorjahr wurden weniger Fälle abschließend bearbeitet.

Eine Entwicklung, die sich zunehmend auf die Qualität der inhaltlichen Arbeit niederschlägt, will man Fälle nicht an den Auftraggeber zurückverweisen.
Eine Entwicklung, die aber auch im Hinblick auf die von der Bundesregierung geplante Reform des Sanktionenrechts, welche eine Ausweitung der gemeinnützigen Arbeit in verschiedenen Bereichen vorsieht, nicht gerade förderlich ist. Kommt doch aller Wahrscheinlichkeit nach im Falle einer Verabschiedung des Gesetzesentwurfs auf freie Träger in diesem Bereich eine besondere Aufgabe bei der Umsetzung zu.

Erste Schritte vor allem in Richtung Qualitätsstandards wurden bereits auf Landes- und Bundesebene unternommen:
Die Fach- und Vermittlungsstellen zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit in NRW haben im Sommer 2003 ihr Qualitätshandbuch mit einheitlich formulierten Standards vorgelegt.
Auf Bundesebene wird unter Einbeziehung des Handbuches aus NRW ein ähnliches Vorhaben zur Zeit realisiert. Es freut uns besonders, dass beide Gremien von der langjährigen Erfahrung der Münsteraner Fachstelle profitieren konnten.

In Anbetracht leerer Kassen auf eine Qualitätsdiskussion zu verzichten, wäre inhaltlich zu kurz gedacht. Geht es doch bei der Vermeidung von Haft nicht nur um Einsparungen und Zahlenmengen, sondern um Prävention, gesellschaftliche Integration und nicht zuletzt um die Stabilisierung schwieriger bzw. desolater Lebenslagen. Eine erste Auswertung der Fachstelle von entsprechenden Daten des Jahres 2003 zeigt, dass viele Menschen, die das Angebot der Fachstelle wahrnehmen, hoch überschuldet und erwerbslos sind. Hinzu kommen in vielen Fällen Suchtprobleme und Schwierigkeiten im sozialen Bereich. Eine rein quantitative Ausrichtung und Betrachtungsweise müsste diese Menschen vernachlässigen und noch weiter an den Rand des gesellschaftlichen Lebens drängen.

Wir danken an dieser Stelle allen beteiligten Stellen, Institutionen und Personen für die geleistete Unterstützung im vergangenen Jahr.

Münster, Februar 2004

Heinz Schnieders Dietmar Zumbusch
Für den Vorstand des Vereins zur Förderung der Bewährungshilfe Münster e.V.


01. Ziele

80% aller Verurteilten in Deutschland werden zu einer Geldstrafe in Form von Tagessätzen verurteilt (lediglich 20% zu einer Freiheitsstrafe).
Die fortschreitende Armut in unserer Gesellschaft und die zunehmende Beeinträchtigung im sozialen Bereich führen dazu, dass die verhängte Geldstrafe nicht gezahlt wird oder nicht gezahlt werden kann. Die Folge: Die drohende Verbüßung von Ersatzfreiheitsstrafen nimmt in den letzten Jahren zu und zwar in Relation zu den immer schlechter werdenden sozio-ökonomischen Verhältnissen.

Ein drängendes Problem, angesichts überbelegter Haftanstalten, der angespannten Haushaltslage sowie der hinlänglich bekannten Defizite im Justizsystem und dessen geringe (re)sozialisierende Wirkung. Denn der Vollzug der Ersatzfreiheitsstrafe als extrem kurze Freiheitsstrafe von durchschnittlich 2-3 Monaten ist kostenintensiv und kann kaum resozialisierende Maßnahmen anbieten.

Die drohende Ersatzfreiheitsstrafe kann jedoch bei sog. Uneinbringlichkeit durch gemeinnützige Arbeit abgewendet werden. Hierbei werden pro Tagessatz bzw. Hafttag sechs Stunden Arbeit veranschlagt. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass Arbeitsauflagen im Rahmen von Bewährungsstrafen und Einstellungen des Verfahrens nach §153a StPO auf dem Hintergrund fehlender Tagesstrukturen bzw. langjähriger Arbeitslosigkeit zunehmen.

Eine Entwicklung, der sich auch der Verein zur Förderung der Bewährungshilfe Münster e.V. mit der Einrichtung der Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit stellt. Denn gemeinnützige Arbeit statt (Ersatz-)Freiheitsstrafe als kriminalpolitische Alternative löst gleich mehrere Probleme:

• sie wirkt gesellschaftlich integrierend durch ihren resozialisierenden Charakter,
• sie kann den überbelegten Justizvollzug entlasten und spart somit Kosten ein,
• sie trägt durch die erbrachte Arbeitsleistung zu einer Wiedergutmachung im Sinne
des Allgemeinwohles bei,
• sie fördert die Sanktionengerechtigkeit und
• verhindert nicht zuletzt unnötige Folgen der Inhaftierung für die Betroffenen wie z.B.
den Verlust des Arbeitsplatzes und der Wohnung oder den Abbruch sozialer Beziehungen.


02. Zielgruppen

Allein die rechtliche Möglichkeit der Ableistung gemeinnütziger Arbeit und der schriftliche Hinweis darauf reichen in der Regel für den betroffenen Personenkreis nicht aus. Dieser muss mit Blick auf häufige psychosoziale Probleme entsprechend angesprochen und ständig neu motiviert werden.
Der angesprochene Personenkreis umfasst vor allem Menschen mit vielfältigen Problemen im Arbeits- und Sozialbereich. Hierzu gehören Langzeitarbeitslose, die schwer vermittelbar sind, SozialhilfeempfängerInnen, Drogen- und Alkoholkranke, PatientenInnen der Psychiatrie und schließlich strafrechtlich vorbelastete Personen.

Extreme Lebenssituationen wie diese sind bekanntermaßen begleitet von spezifischen Problembelastungen wie:

• materiellen Existenzproblemen,
• familiären Problemen und Beziehungsarmut,
• Lebens- und Versagensängsten,
• beruflicher Disqualifizierung,
• Mangel an sekundären Arbeitsfähigkeiten,
• Wohnungsproblemen bzw. Wohnungslosigkeit,
• Überschuldung,
• Arbeitsunfähigkeit und nicht zuletzt
• Alkohol- und Drogenproblemen.


03. Personal

In Anlehnung an die Zielsetzung und den Lebenshintergrund des angesprochenen Klientels bestand 2003 das Team aus sozialpädagogischen sowie handwerklichen Fachkräften.

Michael Großhauser
ist seit September 1999 als Diplom-Sozialpädagoge zuständig für die Vermittlung, Betreuung und Begleitung während der Ableistung gemeinnütziger Arbeit sowie für die Akquise von bzw. den Kontakt zu Einsatzstellen. Ihm obliegt in seiner Funktion die Konzeptfortschreibung, die Verwaltung und Organisation bzw. Dokumentation der Fachstelle und die Zusammenarbeit mit den Diensten der Justiz. Als Sprecher der „Fach- und Vermittlungsstellen zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit in NRW“ koordiniert er die Aktivitäten auf Landes- und Bundesebene.

Bertram Lerch
ist seit Mai 2000 als Arbeitsanleiter verantwortlich für die Initiierung, Planung und Umsetzung eigener Projekte der Fachstelle, die Anleitung und Vermittlung handwerklicher Fertigkeiten, die Kooperation mit relevanten Einrichtungen und die Fortschreibung und den Ausbau eigener Projekte.

Ronja Bolsmann
war bis März 2003 als Berufspraktikantin im Bereich Vermitt-lung/Beratung und der Anleitung in den eigenen Projekten tätig.

Kerstin Hellmann

ist seit September 2003 im Rahmen eines Praxissemesters zuständig für die Vermittlung und Begleitung von ProbandInnen.


04. Finanzierung

Die Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit verfügte 2003 über einen Gesamtetat von etwa EURO 113.500,-. Hiervon wurden 75% für Personalkosten und 25% für Betriebskosten benötigt.
Gedeckt wurde diese Bedarfssumme durch einen anteiligen Landeszuschuss in Höhe von EURO 40.000,- und durch einen Eigenanteil in Form der Zuweisung von Geldbußen von über EURO 70.000.
Gegenüber dem Vorjahr wurde der Landeszuschuss um etwa 22% gekürzt.
Der Trägerverein konnte dies durch einen erhöhten Anteil an Eigenmitteln auffangen.


05. Einsatzstellen

Im Laufe des Jahres 2003 verfügte die Fachstelle über ausreichende Möglichkeiten der Vermittlung in gemeinnützige Arbeit. Bis zum Jahresende boten insgesamt 201 Einsatzstellen im Stadtgebiet Münster und Greven mit 430 Plätzen die Möglichkeit zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit an.

Es wurden 16 Einsatzstellen neu in die Liste der Fachstelle aufgenommen. Im Vergleich zum Vorjahr erhöhte sich die Anzahl der zur Verfügung gestellten Plätze um 49. Bei den zur Verfügung stehenden Einsatzstellen handelte es sich vorwiegend um

• Schulen
• Sportvereine
• Altenheime
• Kindergärten
• Krankenhäuser
• Kirchengemeinden sowie
• gemeinnützige Vereine und Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege

Der Betreuungs- bzw. Arbeitsaufwand dieser Einrichtungen während der Ableistung war aufgrund der Zusammenarbeit mit der Fachstelle relativ gering. Die regelmäßige Sachstandsnachfrage durch die MitarbeiterIn der Fachstelle und die Intervention bei Konflikten machten die Fachstelle zu einem wichtigen und zuverlässigen Kooperationspartner und trugen u.a. als direkter Ansprechpartner
und z.B. mit der Bereitstellung von Formblättern wesentlich zur Entlastung bei.


06. Kooperationen

Die Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit kooperierte auch 2003 auf verschiedenen Ebenen mit relevanten Partnern und war somit Teil eines regionalen bzw. überregionalen sowie träger- und verbandsübergreifenden Netzwerkes. Durch die Teilnahme der Fachstellenmitarbeiter an verschiedenen Fortbildungsveranstaltungen und Tagungen wurden Kontakte zu anderen relevanten Einrichtungen intensiviert.

Wie bereits in den vergangenen Jahren arbeiteten die drei münsteraner Einrichtungen im Bereich der Straffälligenhilfe

• Chance e.V.
• Verein sozialintegrativer Projekte und
• Verein zur Förderung der Bewährungshilfe Münster e.V.

in relevanten Themenbereichen eng zusammen. 2003 betraf dies vor allem die weitere Förderung durch das Land NRW, da alle Einrichtungen von geplanten Kürzungen betroffen waren. Vor diesem Hintergrund wurden gemeinsame Gespräche mit Landtagsabgeordneten geführt und entsprechende Presseartikel veröffentlicht. Darüber hinaus trafen sich erstmalig alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der drei Einrichtungen zu einem Informationsaustausch. Im Ergebnis sollen künftig die Angebote der einzelnen Einrichtungen effektiver genutzt werden. Weitere Treffen sind geplant.
Seit 1996 werden insgesamt fünf Fach- und Vermittlungsstellen zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit NRW durch das Justizministerium gefördert. Diese sind in einem Arbeitskreis mit sechs Treffen pro Jahr zusammengeschlossen. Die Zusammenarbeit im AK wurde auch in 2003 weiter intensiviert. Neben dem Austausch von Erfahrungen im Hinblick auf die Effektivierung der Arbeit wurden gemeinsame Qualitätsstandards entwickelt.
Die Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit nahm regelmäßig an den Treffen des Arbeitskreises Straffälligenhilfe als fachlichem und verbandlichem Forum der Straffälligenhilfe im DPWV teil.

Als Schnittstelle zwischen dem „Arbeitsausschuss Gefährdetenhilfe“ als Ansprechpartner für das Justizministerium auf Verbandebene und den einzelnen Projekten auf Trägerebene wurde ein Sprechergremium der einzelnen Förderbereiche auf Landesebene installiert.
Auch in 2003 vertrat Herr Großhauser, Mitarbeiter der Fachstelle in Münster, als Sprecher die
„Fach- und Vermittlungsstellen zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit in NRW“ in diesem Gremium.

2003 fanden mehrere Informationsgespräche mit Vertretern der Justizbehörden, vorrangig mit der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Münster und der Bewährungshilfe Münster statt. Die Information über die Angebote und die inhaltliche Arbeit der Fachstelle standen hier im Vordergrund.


07. Tätigkeitsfelder

Die zunehmende Mehrfachproblematik des Klientels im sozialen, gesundheitlichen und materiell-existenziellen Bereich macht deutlich, dass entsprechende sozialpädagogische Betreuung nicht nur für die Vermittlung in gemeinnützige Arbeit notwendig ist, sondern auch, um weitere Notlagen abzuwenden und die Lebenssituation der Betroffenen zu stabilisieren. Die Fachstelle bietet daher spezifische Arbeitsinhalte an, um weitere Notlagen abzuwenden und die Lebenssituation der Betroffenen zu stabilisieren. Dazu gehören:

• Information über die rechtlichen Möglichkeiten und Hintergründe,
• eine passgenaue Vermittlung jedes/jeder ProbandIn in eine adäquate Einsatzstelle
unter Berücksichtigung seiner/ihrer persönlichen Situation und Möglichkeiten,
• eine individuelle Begleitung, Betreuung und Unterstützung,
• Motivationsarbeit bei der Ableistung,
• die Intervention bei Konflikten in der Einsatzstelle,
• die Unterstützung bei Ratenzahlungsvereinbarungen, Anträgen, Strafaufschüben und
Gnadengesuchen und
• die Vermittlung zu weiterführenden Fachberatungsstellen (wie z.B. Drogenhilfe,
Schuldnerberatung etc.).

Die Vermittlungsarbeit ist weitestgehend standardisiert, um eine gleichbleibende Qualität im Leistungsangebot zu gewährleisten.

1. Schriftliche Zuweisung des/der ProbandIn an die Fachstelle durch die Bewährungshilfe, die Staatsanwaltschaft oder das Amtsgericht,

2. Statistische Erfassung der Daten im Dokumentationssystem der Fachstelle.

3. Bis zu drei schriftliche Einladungen zu einem Gesprächstermin in der Fachstelle.

4. Erstgespräch mit Clearingfunktion.

5. Vermittlung in eine Einsatzstelle unter Berücksichtigung der Lebensumstände.

6. Vorstellungsgespräch in der Einsatzstelle.

7. Zuweisung an die Einsatzstelle.

8. Ableistung der Auflage:
- Begleitung und Beratung,
- Kontrolle der Ableistung durch die Fachstelle (alle 3-4 Wochen),
- ggfs. Intervention durch die Fachstelle bei Konflikten.

9. Abschlussbericht der Fachstelle an die zuweisende Stelle.

10. Ablage / Dokumentationssystem der Fachstelle.

Die geltenden Standards lassen dennoch genügend Handlungsspielraum für den Einzelfall zu. Eine zentrale Bedeutung hat das persönliche Erstgespräch mit Clearingfunktion. Neben der Erfassung notwendiger Daten werden hier die persönliche Lebenssituation des Klienten, dessen Kompetenzen bzw. Einschränkungen abgefragt. Es wird weiterhin geklärt, ob Schritte zur Stabilisierung und Problembewältigung eingeleitet werden müssen. Die konkrete Vermittlung erfolgt über die Kontaktaufnahme mit der vorgeschlagenen Einsatzstelle und der Vereinbarung eines Vorstellungstermins, nachdem die Zuweisung an die jeweilige Einrichtung erfolgt. Während der Ableistung besteht regelmäßiger Kontakt zwischen Einsatzstelle, Fachstelle und Klient. Bei Abbruch können nach Darlegung der Gründe weitere Vermittlungen erfolgen.
Voraussetzung für eine erfolgreiche Ableistung sind jedoch die Schaffung und Bereitstellung differenzierter Arbeitsmöglichkeiten und deren Komplementierung mit pädagogischen, handwerklichen und lebenspraktischen Fördermöglichkeiten.
Darüber hinaus wird die gemeinnützigen Arbeit durch eine zentrale Stelle koordiniert. Hierzu gehören ebenso die Akquise neuer Einsatzstellen wie auch die Pflege durch den persönlichen Kontakt mit den jeweiligen Ansprechpartnern vor Ort. Der Betreuungs- bzw. Arbeitsaufwand der jeweiligen Einsatzstelle sollte während der Ableistung relativ gering sein. Regelmäßige Sachstandsnachfragen durch die Mitarbeiter der Fachstelle und die Intervention bei Konflikten machen die Fachstelle zu einem wichtigen und zuverlässigen Kooperationspartner.


08. Projekte der Fachstelle

Für Klienten mit erheblicher Mehrfachproblematik bot die Fachstelle auch 2003 sog. eigene Projekte unter intensiver fachlicher Anleitung an. Damit wurde den spezifischen Lebenssituationen einzelner Klienten Rechnung getragen. Negative Begleitumstände gemeinnütziger Arbeit wie Überforderung, Misserfolgserlebnisse sowie Diskriminierung wurden hier weitestgehend vermieden. Hervorgehoben wurden hingegen Aspekte, die sich positiv auf die Motivation des Einzelnen auswirkten: Stärkung des Selbstwertgefühls, Förderung von Kompetenzen im sozialen wie im handwerklichen Bereich und nicht zuletzt die Vermittlung von Erfolgserlebnissen sowie die Eingliederung in eine geregelte Tages- und Arbeitsstruktur.
Die Projekte der Fachstelle orientierten sich an der Passgenauigkeit, d.h. ein differenziertes Angebot von Tätigkeiten und Rahmenbedingungen war mit den Möglichkeiten und Dispositionen des Klientels abgeglichen.
Der Hol- und Bringedienst stellte ein niederschwelliges Angebot für diejenigen dar, die zwar eigenständig die jeweiligen Arbeitsaufträge erledigen konnten, jedoch einer engen Anbindung an die Fachstelle bedurften. In der Praxis werden Klienten zu einer Einsatzstelle mit kurzfristig angemeldetem Bedarf gebracht und wieder abgeholt.

Als Dienstleistung werden die Pflege von Grünflächen oder kleinere Renovierungsarbeiten angeboten. Unter Anleitung eines qualifizieten Mitarbeiters der Fachstelle werden diese Arbeiten in regelmäßigen Abständen oder nach Bedarf durchgeführt und zwar in:

• verschiedenen Kindergärten,
• dem Technisches Hilfswerk Münster,
• einzelnen Wohlfahrtsverbänden sowie
• Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe

Als drittes Arbeitsfeld bietet die Fachstelle zeitlich befristete Projekte in Eigenregie an. Während dieser Projekte werden feste Arbeitsgruppen gebildet, die von der Planung bis zur Fertigstellung beteiligt sind. Beispielhaft seien hier einige Projekte genannt:

• Renovierung von Wohnungen für Haftentlassene,
• Malerarbeiten in Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege,
• Außenspielgeräte für Kindergärten,
• Holzbänke für das Münsteraner Freilichtmuseum,
• Schaukasten aus Holz für ein Stadtteilbüro,
• Renovierung eines Klassenraums,
• Sinnenweg für einen Kindergarten,
• Hochebene in einer Kindertagesstätte,
• Deckenvertäfelung eines Sportheims und
• Herstellung verschiedener Arbeitsmaterialien.

Die Projekte der Fachstelle wurden 4x-wöchentlich angeboten. Arbeitsbeginn war jeweils um 8.30 Uhr
in der Fachstelle. Von dort wurden die ProbandInnen den verschiedenen Projekten zugeteilt. Die Arbeitsanleitung erfolgte jeweils durch eine Fachkraft der Fachstelle. Um 15.00 Uhr war Arbeitsende.


09. Ergebnisse

Die Gesamtzahl der bearbeiteten Fälle stieg in 2003 um 4,25% auf insgesamt 636 Fälle. Aus dem Vorjahr wurden 195 Fälle übernommen, so dass 441 im Berichtszeitraum neu aufgenommen wurden. Die Akzeptanz und die Inanspruchnahme der Fachstellenangebote durch die Justiz haben somit seit Bestehen auch im vergangenen Jahr, wenn auch nur geringfügig zugenommen.

Erfasst wurden alle Fälle, die im Rahmen von

• Bewährungsauflagen,
• uneinbringlichen Geldstrafen,
• Einstellung des Verfahrens nach §153a StPO und
• Weisungen nach dem JGG

im Betreuungs- und Vermittlungskontakt der Fachstelle standen. Telefonische Anfragen und kurze Beratungskontakte wurden nicht gesondert erfasst. Demnach wurden insgesamt 636 Fälle mit einem Gesamtkontingent von 122.915 Stunden von der Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit bearbeitet. Die durchschnittliche Stundenzahl einer Auf-lage stieg um etwa 20 Stunden auf 193,26 Stunden in 2003 an. Allein im Bereich der uneinbringlichen Geldstrafen betrug die durchschnittliche Stundenzahl pro Fall 293,8 Stunden (Dies entspricht ca. 50 Tagessätzen pro Geldstrafe.
Die Anzahl der Tagesssätze im Bundesdurchschnitt liegt bei 35 - 40 Tagessätze pro Geldstrafe!)

85% aller Klienten waren Männer, was auch weitestgehend den Inhaftiertenzahlen auf Landesebene entspricht. Das Durchschnittsalter aller erfasster Personen betrug wie in den Vorjahren ca. 30 Jahre.
Die Altersgruppe der 21-30jährigen war mit über 40% (257 Personen) am stärksten vertreten. Immerhin bildeten Jugendliche und junge Heranwachsende bis 20 Jahre mit 83 = 13% Klienten eine relativ starke Gruppe, die aufgrund ihres Alters und ihrer Lebenssituation einer besonderen Vermittlung und Betreuung bedurfte. Hierzu mussten entsprechende Einsatzstellen mit betreuendem Charakter und altersgerechten Arbeitsinhalten akquiriert und gefunden werden.
Der Anteil ausländischer Mitbürger ist im Vergleich zu 2002 auf unter 20% gesunken. Der Großteil der Zuweisungen erfolgte in 2003 mit 360 Personen durch die Bewährungshilfe, vorrangig der Dienststelle in Münster. Hier ist ein weiterer Rückgang gegenüber den vergangenen Jahren zu verzeichnen. Dennoch wurden weitestgehend alle Fälle mit entsprechenden Bewährungsauflagen der Fachstelle zugewiesen.
Gleichzeitig haben die Fälle mit Arbeitsauflage, die direkt durch das Amtsgericht zugewiesen wurden, auch in 2003 zugenommen.
Auch die Zuweisungen durch die Staatsanwaltschaft Münster haben im Vergleich zum Vorjahr zugenommen und machen jetzt ca. 1/3 aller bearbeiteten Fälle aus.
Zuweisungen anderer Stellen wie der Gerichtshilfe Münster, der Jugendgerichtshilfe oder anderer Träger der Jugendhilfe spielten im Berichtszeitraum mit insgesamt 40 Fällen eine eher untergeordnete Rolle.

42 Personen haben von sich aus um Vermittlung durch die Fachstelle gebeten. Vergleichszahlen aus anderen Jahren liegen diesbezüglich leider nicht vor.

Im Einzelnen ergibt die Differenzierung nach zuweisenden Stellen folgendes Bild:

Zuweisende Stelle
Fälle
%-2003
Trend
%-2002
Bewährungshilfe
360
56,60
62,40
Staatsanwaltschaft
189
29,71
25,78
Amtsgericht
47
7,39
6,24
Gerichtshilfe
17
2,67
1,84
Sonstige
23
3,63
3,77
Gesamt
636
100,00
100,00

Wie bereits erwähnt, überstieg die durchschnittliche Stundenzahl einer uneinbringlichen Geldstrafe
mit 293 Stunden erheblich den Gesamtdurchschnitt. Bei einem Umrechnungsmaßstab von 1:6
(ein Tagessatz = ein Hafttag = sechs Stunden gemeinnützige Arbeit) ergeben die zugewiesenen uneinbringlichen Geldstrafen insgesamt 9.497 Hafttage.

Demgegenüber blieben Bewährungsauflagen mit durchschnittlich 156 Stunden unter dem Gesamtdurchschnitt.

Die Aufschlüsselung der zugewiesenen Fälle und der entsprechenden Stundenanzahl nach Art der Auflage zeigt, dass die zuweisende Stelle nicht identisch mit der Art der Auflage sein muss.
D.h. von der Bewährungshilfe werden zum Beispiel auch Auflagen im Rahmen uneinbringlicher Geldstrafen zugewiesen, oder Bewährungsauflagen wurden direkt durch die jeweiligen Richter
oder die Gerichtshilfe zugewiesen.

Art der Auflage
Fälle
%-2003
Trend
%-2002
Bewährungsauflage
395
62,11
64,01
Uneinbringliche Geldstrafe
194
30,50
27,42
Einstellung des Verfahrens nach §153a
29
4,56
4,83
Weisung nach §10 JGG
18
2,83
3,94
Gesamt
636
100,00
100,00

Stundenzahl:
Art der Auflage
Stunden
%-2003
Trend
%-2002
Bewährungsauflage
61.650 Std.
50,16
57,21
Uneinbringliche Geldstrafe
56.984 Std.
46,36
38,73
Einstellung des Verfahrens nach §153a
2.825 Std.
2,30
2,40
Weisung nach §10 JGG
1.458 Std.
1,18
1,66
Gesamt
122.915 Std
100,00
100,00


10. Effektivität

Im Berichtszeitraum wurden insgesamt 410 Fälle abschließend bearbeit.
Ablagegrund
Fälle
%-2003
Trend
%-2002
Gesamtauflage
in Stunden
abgeleistete
Stunden
Auflage abgeleistet
225
54,88
52,35
30.165,50 Std.
30.165,50 Std.
Auflage gewandel
70
17,07
18,27
19.148,50 Std.
1,671,75 Std.
Auflage erlassen
2
0,49
1,73
350,00 Std.
11,50 Std.
Widerruf
64
15,61
12,84
15.087,00 Std.
1.630,25 Std.
Kontaktabbruch
15
3,66
5,93
2.545,00 Std.
175,75 Std.
Sonstiges
34
8,29
8,89
7.169,00 Std.
824,75 Std.
Gesamt
410
100,00
100,00
74.465,00 Std.
34.479,50 Std.

Nach dieser Auswertung wurden von denjenigen Personen, welche die gemeinnützige Tätigkeit im Jahr 2003 beendet haben, insgesamt 34.479,50 Stunden abgeleistet. Hinzu kamen noch 11.703,25 Stunden aus den noch laufenden Vermittlungen und Betreuungen, so dass insgesamt 46.182,75 Stunden in gemeinnützigen Einrichtungen abgeleistet wurden.
In Relation zur Gesamtzahl wurden insgesamt 46,3% der zugewiesenen Stunden abgearbeitet (74.465,00 Std. : 34.479,50 Std.) Dies bedeutet einen Rückgang gegenüber dem Vorjahr von etwas mehr als vier Prozent und dies obwohl die durchschnittlich geleistete Stundenzahl pro Fall um einige Stunden höher lag als im Vergleichszeitraum 2002.
Dieser Rückgang hängt sicherlich mit der eingangs erwähnten Personalsituation zusammen; denn je geringer der Personalschlüssel umso geringer die Intention der Betreuung, welche wiederum Auswirkungen auf die Motivation hatte.
Legt man von den abgeleisteten Stunden lediglich die uneinbringlichen Geldstrafen mit je sechs Stunden pro Tagessatz zugrunde, wurden durch die Vermittlung und Begleitung der Fachstelle 2.171 Tage Ersatzfreiheitsstrafe eingespart. Der Umfang der eingesparten Hafttage im Bereich der Bewährungsauflagen und der Einstellung des Verfahrens nach §153a StPO konnte nicht ermittelt werden, da in diesen Fällen nicht mit Tagessätzen gerechnet wird. Zu den einzelnen Ablagegründen:

Auflage abgeleistet
Mit ca. 54% der abschließend bearbeiteten Fälle lag die Quote der vollständigen Ableistungen nur um zwei Prozentpunkte über der Quote des Vorjahres. Durchschnittlich wurden hier 134 Stunden pro Fall abgearbeitet. Die durchschnittlich zugewiesene Stundenzahl lag jedoch weit höher. Im Bereich der uneinbringlichen Geldstrafen wurden sogar im Durchschnitt 160 mehr, nämlich 293 Stunden zugewiesen. Allein dieser Vergleich lässt die Vermutung zu, dass eine erfolgreiche Ableistung und somit eine erfolgreiche Haftvermeidung eng mit der abzuleistenden Stundenzahl zusammenhängt.

Auflage gewandelt
In 70 Fällen wurde aufgrund der veränderten persönlichen und wirtschaftlichen Situation des Einzelnen die Auflage während der Ableistung in eine Geldauflage bzw. Ratenzahlung gewandelt. Die Fachstelle leistete hier in 43 Fällen entsprechende Unterstützung bei der Beantragung. Trotz Wandlung wurden insgesamt immer noch 1.671,75 Stunden abgeleistet.

Auflage erlassen
Bei lediglich zwei ProbandInnen wurde die Arbeitsauflage teilweise oder vollständig erlassen, so dass hier nur 11,5 Stunden abgeleistet wurden.

Widerruf
Der Widerruf erfolgte in ca. 16% der Fälle (bei 64 Personen), meist nachdem auch anderen Bewährungsauflagen bzw. Ratenzahlungen nicht nachgekommen wurde.

Kontaktabbruch
15 Personen brachen den Kontakt zur Fachstelle trotz mehrfacher Aufforderungen ab, so dass in diesen Fällen an die zuweisende Stelle negativ berichtet werden musste.

Sonstiges
Sonstige Beendigungsgründe wie Umzug, Tod oder langfristige Therapien waren in etwa 8% der Fälle der Ablagegrund.

Insgesamt führte die Fachstelle 923 Vermittlungen von ProbandInnen in gemeinnützige Einrichtungen durch.


11. Eigene Projekte

2003 waren insgesamt 90 Personen in den eigenen Projekten der Fachstelle beschäftigt und leisteten hier 4.446,25 Stunden ab. Gegenüber dem Vorjahr waren somit in 2003 weniger Personen beschäftigt (2002 waren es noch 114). Auch hier wurden die jeweiligen ProbandInnen eher unter einem qualitativen als unter dem quantitativen Aspekt vermittelt und aufgenommen. Für Personen mit einer erheblichen Mehrfachproblematik boten die eigenen Projekte der Fachstelle eine enge Begleitung, intensive Unterstützung und Anleitung.
39 Personen wurden, nachdem im Erstgespräch eine entsprechende Passgenauigkeit festgestellt wurde, direkt in die eigenen Projekte der Fachstelle vermittelt. In den restlichen Fällen - zunächst fremd vermittelten - erforderten auftretende Schwierigkeiten einen Wechsel in die eigenen Projekte, da hier neben einer größeren Kontrollmöglichkeit auch eine engere Anbindung und pädagogische Begleitung möglich waren.
66 Fälle wurden in den eigenen Projekten abschließend bearbeitet.

In Relation zur Gesamtzahl der ProbandInnen leisteten in den eigenen Projekten prozentual wesentlich mehr Personen (20%) ihre Auflage vollständig ab, wobei auch die Anzahl der Widerrufe leicht unter der Gesamtzahl liegt. Eine enge pädagogische Einbindung und fachliche Begleitung während der Ableistung war demnach bei der eingangs erwähnten Mehrfachproblematik des Klientel sinnvoll und führte in vielen Fällen zum gewünschten Erfolg. Die intensive und direkte Kontrolle in den eigenen Projekten ließen aber auch eine schnelle und differenzierte Rückmeldung an die zuweisende Stelle zu.