Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit
FAGA
Fachstelle
zur Ableistung
gemeinnütziger Arbeit
Verein zur Förderung der Bewährungshilfe Münster e.V.

Der Verein zur Förderung der Bewährungshilfe Münster e.V. ist seit 1956 ein eingetragener Verein, der ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke im Sinne der Gemeinnützigkeits-verordnung verfolgt, indem er die pflegerische und fürsorgerische Arbeit der hauptamtlichen Bewährungshelfer unterstützt und die durch gerichtliche Entscheidung unter Bewährungsaufsicht oder Führungsaufsicht gestellten Personen betreut.

Dies geschieht durch eine persönliche Mitwirkung der Mitglieder des Vereins bei der Erfüllung der Aufgaben der hauptamtlichen Bewährungshelfer sowie durch die Beschaffung und Bereitstellung von Finanzmitteln und Sachwerten für die Aufgaben der Bewährungshilfe und die sozialen Belangen der Probanden. Ferner erfolgt die Unterstützung der Bewährungshilfe durch Werbung vor der breiten Öffentlichkeit für den Gedanken der Bewährungshilfe und die Auswahl geeigneter Personen für ehrenamtliche Hilfsdienste in der Bewährungshilfe und in der Betreuung von Probanden sowie durch Zuwendungen an Verbände der Freien Wohlfahrtspflege für allgemeine Mithilfe in vorbeugender und nachgehender Betreuung.

Die Mittel zur Erfüllung seiner Aufgaben bestreitet der Verein aus freiwilligen Zuwendungen und aus Geldbußen, die ihm durch gerichtliche Entscheidung zufließen.


I. Einleitung

Die Bedeutung der Strafaussetzung zur Bewährung sowie die Beiordnung eines Bewährungshelfers haben innerhalb der Entscheidungspraxis der Gerichte seit der Schaffung der Bewährungshilfe 1953 stetig zugenommen und sind in der Vergangenheit durch verschiedene Strafrechtsänderungen weiter manifestiert worden.1 So stiegen die Bewährungsunterstellungen in der Bundesrepublik von 1969 bis in das Jahr 1986 beispielsweise von 32 812 auf 127 494 Personen an, was eine Steigerung von 289% bedeutet.

Innerhalb dieser Entwicklung hat in der Verurteilungspraxis auch die Verhängung von Bewährungsauflagen gemäß § 56b Abs.II Nr.3 StGB, insbesondere die der Ableistung gemeinnütziger Arbeit, beständig zugenommen und an Tragweite gewonnen. So wird vor allem in jüngster Zeit auch in der Bewährungshilfe im Bereich des Amtsgerichtes Münster ein massiver Anstieg der Zahl der Probanden verzeichnet, denen gemeinnützige Arbeit in nicht unerheblichem Umfang auferlegt wurde. Dies entspricht den Grundgedanken des Gesetzgebers, der die gemeinnützige Arbeit als Surrogat beispielsweise für die Ersatzfreiheitsstrafe im Rahmen der Geldstrafenvollstreckung forciert.

Demgegenüber jedoch stehen zunehmende Schwierigkeiten innerhalb der Vermittlung und Überwachung der Arbeitsweisung durch den jeweiligen Bewährungshelfer. Oftmals fehlt es an geeigneten Arbeitsmöglichkeiten für die Probanden, wobei hier auch ein Mangel an pädagogischen Zugangsmöglichkeiten durch die Arbeitsstellen und dem Sinngehalt der Arbeit festgestellt werden muß. Auch ist die Arbeitsbereitschaft vieler Probanden eingeschränkt, wobei der Bewährungshelfer aufgrund seines umfassenden Arbeitsauftrages und hoher Fallzahlen Motivationsarbeit nur in geringem Maße leisten kann. Eigenständige Organisationsformen zur Koordinierung, Vermittlung, Durchführung und Überwachung gemeinnütziger Arbeit, wie sie etwa in den Niederlanden existieren, fehlen hierzulande weitgehend.


II. Ziele der Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit

Der in der Einleitung beschriebenen Diskrepanz zwischen dem Umfang des Probandenkreises mit entsprechenden Arbeitsauflagen einerseits und dem Fehlen qualifizierter Einsatzmöglichkeiten andererseits will die Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit entgegenwirken, um so das Hilfeangebot der Bewährungshilfe zu unterstützen. Als übergeordnete Zielsetzung kann die Schaffung neuer Ableistungsmöglichkeiten und die Anreicherung bisheriger Inhalte gemeinnütziger Arbeit mit pädagogischen, handwerklichen und lebenspraktischen Fördermöglichkeiten sowie die Koordinierung gemeinnütziger Arbeit durch ein zentrales Organ als Grundsatz definiert werden.

Der einzelne Proband soll die Möglichkeit erhalten, gemeinnützige Arbeit nicht ausschließlich als staatliche Repression zu erfahren, sondern diese unter Berücksichtigung des von ihm begangenen Normenverstoßes als einen persönlichen Beitrag zum Gemeinwesen anzuerkennen. Zudem sollen die Probanden Gelegenheit erhalten, Fördermöglichkeiten der oben genannten Bereiche nutzen zu können. Hierbei sollen negative Begleitumstände gemeinnütziger Arbeit wie Überforderung, Mißerfolgserlebnisse sowie Diskriminierung vermieden werden und positive Aspekte wie Stärkung des Selbstbewußtseins und das Gefühl, etwas Sinnvolles geleistet zu haben, hervorgehoben werden. Ferner soll durch die Ableistung geeigneter gemeinnütziger Arbeit die Eingliederung des Probanden in eine geregelte Tages- und Arbeitsstruktur erfolgen.

Ein weiteres Ziel der Fachstelle ist es, gesellschaftsrelevante Themenbereiche durch die Integration von spezifischen Informationsveranstaltungen mit konkreten Arbeitseinsätzen zu verknüpfen. Die Probanden erhalten so die Möglichkeit, ihre Arbeitstätigkeit zu reflektieren und in einen gesellschaftlichen Kontext einzubinden. Gleichfalls soll dies eine weitere Motivationssteigerung zur Ableistung der Arbeitsauflagen bewirken, um mögliche Freiheitsstrafen aufgrund von Verstößen gegen diese zu vermeiden.

Nicht zuletzt soll mit der Einrichtung der Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit ein zentraler Ansprechpartner für die bereits bestehenden oder noch zu aktivierenden Einsatzstellen geschaffen werden, die durch eine gezielte und koordinierte Vermittlung und Begleitung sowie durch die von der Fachstelle eigenständig betreuten Arbeitsangebote profitieren können.


III. Arbeitskonzept und Methoden

Aus der oben dargestellten Zielsetzung ergeben sich für die Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit drei wesentliche Arbeitsschwerpunkte, die im folgenden in ihrem konzeptionellen Ansatz und unter Berücksichtigung des methodischen Vorgehens beschrieben werden.


1. Vermittlung von Probanden der Bewährungshilfe

Über die Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit soll eine zentrale und gezielte Vermittlung von Probanden an die Einsatzstellen erfolgen. In der Anfangsphase des Projektes wird durch die Fachstelle ein persönlicher Kontakt zu den verschiedenen bereits bestehenden Arbeitsstellen hergestellt. Dieser dient dazu, konkrete Einsatzstellenbeschreibungen zu erstellen, um den einzelnen Probanden durch ein dazugehöriges Anforderungsprofil entsprechend seinen räumlichen, zeitlichen, sozialen und beruflichen Fähigkeiten gezielt vermitteln zu können und den Einsatzstellen einen konstanten Ansprechpartner in Fragen der Anleitung, Betreuung und Überwachung gemeinnütziger Arbeit vorzuhalten.

Über ein durch den zuständigen Bewährungshelfer zu erstellendes Datenblatt sowie durch ein etwaiges Erstgespräch zwischen Proband, Bewährungshelfer und Fachstellenleiter werden in jedem Einzelfall die individuellen Fähigkeiten des Probanden mit den Anforderungsprofilen etwaiger Einsatzstellen abgestimmt, so daß eine adäquate Vermittlung möglich wird. Der Zwangscharakter auferlegter Arbeitsweisungen wird durch das Angebot verschiedener Einsatzstellen ansatzweise aufgehoben, wodurch eine erhöhte Motivation der Probanden zur Arbeitsableistung herbeigeführt wird und den Einsatzstellen gleichfalls qualifiziertere Arbeitskräfte vermittelt werden können.

Eine Weitergabe von persönlichen Daten des Probanden durch den Bewährungshelfer an die Fachstelle wird unter Beachtung des Datenschutzes nur insoweit erfolgen, als dies zur Vermittlung an eine Einsatzstelle relevant ist.

Im Fortgang der Ableistung gemeinnütziger Arbeit erhält der jeweilige Bewährungshelfer durch die Fachstelle regelmäßige Sachstandsmeldungen über den Arbeitsverlauf. Die Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit fungiert hier als Bindeglied zwischen Bewährungshilfe, Einsatzstellen und Probanden, wobei bezüglich der Arbeitsableistung die Betreuung der Probanden der Fachstelle obliegt.

Nach Erfüllung der Arbeitsweisung respektive Bewährungsauflage erhält der zuständige Bewährungshelfer einen Abschlußbericht durch die Fachstelle, der eine entsprechende Ableistungsbescheinigung sowie eine kurze Beurteilung des Arbeitsprozesses enthält.


2. Erschließung neuer Arbeitsfelder für Probanden der Bewährungshilfe

Ein weiterer Schwerpunkt der Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit ist aufgrund des Mangels an geeigneten Einsatzstellen die Erschließung neuer Arbeitsmöglichkeiten. Eine beträchtliche Anzahl an gemeinnützigen Institutionen, Verbänden und Körperschaften macht bislang keinen bzw. nur geringen Gebrauch von der Möglichkeit, Personen mit entsprechenden Arbeitsauflagen in ihren Einrichtungen zu beschäftigen. Gezielt sollen diese Organisationen durch die Fachstelle angesprochen und hinsichtlich sinnvoller und möglichst pädagogisch begleiteter Arbeitseinsätze beraten werden, um somit möglichen negativen Vorerfahrungen, Vorurteilen und Ängsten der potentiellen Einsatzstellen entgegen zu wirken.

Es ist hierbei durch die Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit darauf zu achten, daß etwaige Arbeitseinsätze von Probanden nicht zu möglichen Personaleinsparungen führen oder aber Aufträge an die freie Wirtschaft nicht durch gemeinnützige Arbeit ersetzt werden.


3. Durchführung eigener Arbeitsprojekte

In Ergänzung zu den zuvor beschriebenen Arbeitsschwerpunkten will die Fachstelle durch die Durchführung eigener Arbeitsprojekte direkten Einfluß auf die Inhalte gemeinnütziger Arbeit nehmen, das Einsatzspektrum aktiv erweitern und gemeinnützige Verbände bei der Erfüllung ihrer Aufgaben unterstützen.

Hierzu greift die Fachstelle die Schwierigkeiten vieler gemeinnütziger Verbände auf, die aufgrund ihrer oftmals ehrenamtlichen Struktur einerseits die ihnen gestellten Aufgaben kaum bewältigen können, andererseits aber nicht über das nötige Arbeitsmaterial und Personal verfügen, entsprechende gemeinnützige Arbeitskräfte anzuleiten und adäquat zu betreuen. Vor allem im Bereich des Umweltschutzes ergibt sich hier ein breites Einsatzfeld.

In Zusammenarbeit mit entsprechenden Verbänden wird die Fachstelle geeignete Arbeitsabläufe gestalten, wobei die benötigten personellen Ressourcen für die Anleitung, Beaufsichtigung und Betreuung der Probanden, durch die Fachstelle bereitgestellt werden. Auch notwendiges Arbeitsgerät kann nach Absprache in begrenztem Ausmaß durch die Fachstelle zur Verfügung gestellt werden.

Hierbei wird durch die konkrete pädagogische Begleitung während der Arbeitseinsätze von der Fachstelle darauf hingewirkt, daß individuelle Schwierigkeiten der Probanden bei der Ableistung ihrer Arbeitsauflagen aufgefangen werden und eine intensive Anleitung auch im handwerklichen Bereich gewährleistet ist. Mißerfolgserlebnisse und eine Überforderung der Probanden sollen so vermieden werden und über dies hinaus handwerkliche Fähigkeiten und Arbeitspraktiken vermittelt werden. Die Probanden erfahren so auch eine Unterstützung bei der Eingliederung in alltägliche Arbeitsprozesse. Zudem erhält der Proband innerhalb einer angeleiteten Arbeitsgruppe und pädagogisch ausgestalteter Arbeitspausen Gelegenheit, seine sozialen Fähigkeiten im Gruppengeschehen zu erproben, was seine Integration in das Alltagsleben fördert.

Ferner bietet die Fachstelle den Probanden auch hinsichtlich etwaiger individueller räumlicher oder zeitlicher Einschränkungen konkrete Unterstützung an. Vorgesehen ist sowohl ein Transferangebot zu den Einsatzstellen als auch eine Ableistungsmöglichkeit an Wochenenden.

Innerhalb der Arbeitseinsätze sollen sowohl die Motivation zur Arbeitsableistung, und die Reflexion der geleisteten Arbeit als auch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen gefördert werden, indem die Arbeitsabläufe mit spezifischen Bildungsangeboten verknüpft werden. Hier ist beabsichtigt, durch Mitarbeiter der entsprechenden Verbände gesellschaftliche Themen durch Referate, Vorträge oder Exkursionen über die Zusammenhänge und den Nutzen konkreter Arbeitsleistungen in die Ableistungspraxis einzubinden, wobei eine Anrechnung auf die Arbeitszeit erfolgen soll.

Eine entsprechende Absprache mit dem jeweiligen Bewährungshelfer sowie eine abschließende Berichterstattung erfolgt durch die Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit auch hier wie unter Kapitel III Abschnitt 1. beschrieben.


IV. Personal und Organisation

Der Verein zur Förderung der Bewährungshilfe Münster e.V. hat als Träger des Projektes den Start der Fachstelle gänzlich aus Eigenmitteln finanziert. Es wurde zunächst ab April 1997 ein Sozialpädagoge mit einer vollen Stelle verpflichtet. Um eine zielorientierte Durchführung der Arbeitsprojekte zu gewährleisten verfügte dieser über eine handwerkliche Zusatzausbildung. Seit 1998 wird die Fachstelle durch Fördermittel des Justizministeriums in Höhe von 100.000.-DM jährlich unterstützt. Des weiteren ist das Personal um eine weitere Vollzeitstelle erweitert worden. Im Rahmen sozialarbeiterischer Standards wird das zielgerichtete methodische Handeln der Sozialarbeiter durch entsprechende Weiterbildung sowie etwaige Supervision sichergestellt.

Eine Tätigkeitskontrolle findet durch die regelmäßige Berichterstattung in jedem Einzelfall durch den entsprechenden Bewährungshelfer respektive dem fachaufsichtsführenden Richter sowie gesamtinhaltlich und diensttechnisch durch den Vorstand des Vereins zur Förderung der Bewährungshilfe Münster e.V. statt.

Zur Durchführung des Projektes werden die notwendigen Arbeitsmittel wie Werkzeuge, Schutzbekleidung, ein Dienstfahrzeug sowie die erforderlichen Büro- und Lagerräume vom Verein zur Förderung der Bewährungshilfe Münster e.V. bereitgestellt, wobei eine räumliche Anbindung an die Bewährungshilfe als unabdingbar erachtet wird.


V. Zukunftsausblick und Perspektiven

Das Projekt der Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit hält in seiner jetzigen Konzeption ein breites Spektrum an Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft offen, so daß eine kontinuierliche Konzeptfortschreibung unter Berücksichtigung der gesammelten Erfahrungen, insbesondere mit eigenständig durchgeführten Arbeitsmaßnahmen, erfolgen kann. Eine personelle Erweiterung im Bereich Projektarbeit mit Praktikanten ist für die Zukunft nicht ausgeschlossen.

Ferner will sich die Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit an der Fachdiskussion und einem professionellen Austausch durch Mitarbeiter in unterschiedlichen fachbezogenen Gremien beteiligen, um so nicht nur zu einem festen Bestandteil des Hilfeangebotes der Bewährungshilfe Münster zu erwachsen, sondern auch überregional Einfluß auf die Umsetzung gemeinnütziger Arbeit nehmen zu können, und gegebenenfalls Modellcharakter innerhalb der Strafrechtspflege zu erlangen.

Da die Fachstelle zur Ableistung gemeinnütziger Arbeit auch eine Reaktion auf staatliche Bestrebungen darstellt, wäre eine Institutionalisierung der Fachstelle, unterstrichen auch durch eine entsprechende weitere Förderung seitens der Justiz, wünschenswert.